Texte zu den Fotografien

amazing steinzeit
amazons go sixty
der intime blick
blind date

amazing steinzeit

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Mit ihren eindrücklichen Schwarz-Weiß Fotografien und präzise gesetzten Bildausschnitten von den riesigen Tempelanlagen in Malta und Gozo, den beeindruckenden Steinformationen in England und steinzeitlichen Höhlen der Ile-de-France, gelingt es Inea Gukema-Augstein, uns unmittelbar in die jeweiligen Szenerien zu versetzen. Die Zeichen und Zeugnisse dieser bis zu 10000 Jahre alten Kulturdenkmäler, viele davon UNESCO Kulturerbe, stehen im Mittelpunkt der Fotoserie „amazing steinzeit“.
Die Fotografien von Inea Gukema-Augstein ermöglichen uns Einsichten, als stünden wir selbst unmittelbar vor diesen beeindruckenden Zeitzeugen. Durch die einfühlsame und interpretationsfreie Herangehensweise der Fotografin wird jede Kultstätte in ihrer ganz eigenen Charakteristik erfahrbar.
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„Wir wissen mittlerweile ziemlich genau, wie das Universum entstanden ist, wie die Erbinformationen in einer Zelle angelegt sind, wir können mit Computern Massen von Daten speichern und im Internet kommunizieren. Was wir aber nach wie vor nicht wissen: Wer bewegte die großen Steine, die überall auf der Welt zu Steinkreisen, zu Steinreihen und Kultstätten zusammen getragen wurden.“...
Luisa Francia
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„Was bedeutet der alles entscheidende Moment einer fotografischen Aufnahme im Angesicht von Jahrtausende alten Kultstätten? Wie erleben wir Zeit, die so lange zurück liegt?“...
Eva Mueller
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„Der Wald von Fontainbleau ist nicht nur eine verwunschene Landschaft, in der man sich heute noch verirren kann, sondern auch eine sehr alte Kulturprovinz: In dem Gebiet befinden sich unzählige Höhlen; mehr als tausend von ihnen sind mit abstrakten Zeichen ausgeschmückt, die bis in die Altsteinzeit zurückgehen. Die meisten von ihnen entstanden im Mesolithikum, um 8000-6000 v.u.Z.“...
Gabriele Meixner

amazons go sixty

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Inea Gukema-Augstein zeigt in diesem aufwändig gestalteten Fotoband Auszüge von rituellen Aktionen der bekannten Autorin und Filmemacherin Luisa Francia. Es sind die jungen Amazonen der 1960/70er Jahre, die jetzt über 60 Jahre jung sind. Im Kunstdiskurs erhalten ihre Einsichten und Werke seit einigen Jahren verstärkte Aufmerksamkeit.
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Allerorten widmen sich Ausstellungen der feministischen Kunst von Frauen jenseits der 60er, sei es 2007 im Brooklyn Museum Los Angeles („Global Feminism, New Directions in Contemporary Art“ mit 119 Künstlerinnen aus 21 Ländern); im MOCA Museum Los Angeles („Wack! Art and the Feminist Revolution“); in Bilbao („Kisss, Kiss, Bang, Bang“); 2008 in Zürich („It’s time for Action – There’s no option“, ein Song-Titel von Yoko Ono); 2009 in Mailand; 2010 in Rom; in Paris im Centre Pompidou („elles“) oder in der Pinakothek der Moderne in München („Female Trouble“).
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Wie immer geht es um den Blick, den eigenen, auf sich selbst, auf das Andere, das Weibliche, das Männliche (was immer das auch sei). Hinsehen kann bereits ein Attribut der Macht sein. Nicht gesehen werden, vielleicht ein Zeichen der Ohnmacht (wenn es auch zugleich ungeahnte Möglichkeiten eröffnet). Wer die Sicht anderer lenken kann besitzt am meisten Macht. Das ist der Grund für die unzähligen Selbstbildnisse und Portraits in der Kunst. Es geht um Selbstvergewisserung, Definition, Zuschreibung, Identität. Deshalb auch so viele Diskussionen über die Darstellung der Körper! Was zeige ich, was nicht? Worauf fokussiere ich? Aus welcher Perspektive? Mit welcher Haltung und Einstellung (in der Fotografie im wahrsten Sinne des Wortes)?
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Die Autorin, Filmemacherin und Malerin Luisa Francia und die ehemalige Verlegerin und Künstlern Inea Gukema-Augstein, jede in ihrem Metier, waren sich dieser Faktoren in ihrer Arbeit schon früh bewusst. Ihre kluge Reflexion sorgt für eindrückliche, selbstbewusste Bilder.
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Das liegt zum einen an der Authentizität von Luisa Francia, die nie zur „Darstellerin“ wird. Üblicherweise begleitet die Begegnung mit der Natur, mit dem eigenen Sein, ja kein äußerer Blick. Als zeitgenössische Schamanin in vielen Rollen, hockt sie ebenso selbstverständlich in einem frühzeitlichen Steinkreis in Portugal, wie am Verkehrsknotenpunkt unter der Donnersberger Brücke in München. Zum anderen liegt es an der Fotokünstlerin Inea Gukema-Augstein, dass wir so gelungene Aufnahmen zu sehen bekommen. Sie beherrscht ihr Medium intellektuell, technisch und ästhetisch. Wir beobachten den wohlwollenden und verstehenden Blick einer Amazone auf eine andere Amazone, beide „go sixty“, ausgestattet mit der nötigen Gelassenheit, sich nicht mehr in jeden Kampf verwickeln zu müssen.
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Eva Mueller, Kunstberaterin

der intime blick

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Maria Sabine Augstein kam als Junge zur Welt und wurde mit achtundzwanzig Jahren als Frau neu geboren. Als lesbische Frau. Auf den Fotografien aus den 80er Jahren ist sie Mitte Dreißig und lebt nach einer Geschlechtsumwandlung 1977 als Frau. Die Ausstellung „Der intime Blick“ ist Anlass, auf ihr Leben zurückzublicken.
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Karl Michael Armer, Autor und Herausgeber
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Die meisten Menschen machen sich wenig Gedanken über ihr Geschlecht. Geboren als Mädchen oder Junge, werden sie später zur Frau oder zum Mann. Sie nehmen dies als naturgegeben, richten sich damit ein und kommen zurecht. Es gibt aber auch einige, die aus der Haut fahren wollen. Wie eine Zwangsjacke erleben sie ihren (Geschlechts-) Körper.
(...) etwa seit der Aufklärung, wurden solche Menschen im christlichen Abendland für verrückt erklärt und pathologisiert. In alten Mythen dagegen wurden sie als besonders begabt geachtet und verehrt.
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Was manchen Menschen irgendwann in seinem Leben für kurze Augenblicke als Phantasie und Wunschvorstellung attraktiv vorgekommen sein mag, nämlich das Geschlecht zu wechseln, ist für jene, die man transsexuell nennt, kein bloßer Wunsch, sondern ein Muss. Es geht darum den Körper dem Geschlecht anzupassen, das man als sein eigenes erlebt. (...)
Möglich wurden Geschlechtsangleichungen erst mit der Entwicklung der modernen Medizin. (...) Indes gibt es noch immer zahlreiche rechtliche und soziale Problemfelder, die der weiteren Klärung bedürfen.
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Dr. Friedemann Pfäfflin, Facharzt für Psychotherapie
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Von jeher, so zeigt es uns die Kunstgeschichte der Portraitfotografie, der Malerei und der zu Stein gewordenen Statuen, ist es ein zutiefst menschliches Anliegen, sich ein Bildnis zu machen. Selbstbefragung und Selbstdarstellung verweisen aufeinander. In diesem Kontext stehen auch die Fotografien von Inea Gukema-Augstein. Wir dürfen mit dem intimen Blick der Künstlerin und Lebenspartnerin eine individuelle Entwicklung verfolgen. „Kunst ist das subjektive Objekt“ sagt Hegel – als beschriebe er damit die Qualität der Fotografien von Inea Gukema-Augstein.
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Auch wenn ich nichts über den Lebensweg von Maria Sabine Augstein wüsste, der durch die Erfahrung der Transsexualität eine explizite Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, der eigenen Rolle, dem Gewordensein und Werdenwollen erforderte, führt der Anblick ihrer Fotos zu den Fragen nach dem eigenen Inneren. So gekonnt und sensibel wird unser Blick geleitet, lässt uns Anteil haben an der Selbst-Er-Findung, diesem komplexen physischen und psychischen Vorgang. Der intime Blick führt ins Innere, hascht nicht nach Äußerlichkeiten, nach Anerkennung, nach Aufmerksamkeit, er lauscht hinein, er forscht, er fragt.
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Eva Mueller, Kunstberaterin

blind date

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Wer kennt nicht die Verheißung neuer leerer Wohnräume? Inea Gukema-Augstein hinterfragt in ihrer Fotografie, was man zum Wohnen braucht und was es bedeutet. Es gelingt ihr, das Absurde und Widersprüchliche in der rastlosen Suche nach Modernität und der Unverwechselbarkeit der persönlichen Images mit minimalen Mitteln zu erzählen.
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Kristin Feireiss
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In der Serie „housing“ scheinen sich zwei Personen dem Haus anzunähern, es sich aneignen zu wollen, in all seiner Barbie-Puppen-Stubigkeit. Die Kissenanordnung könnte von einer Wohnzeitschrift empfohlen sein: „Kombinieren Sie doch mal Muster in Rottönen!“
Und wozu? Um schließlich so dazusitzen, wie die Frau mit dem Haus, über den Kopf gestülpt, zu groß, um in solch kleine Träume zu passen? Denn es ist die Frau, die schließlich im Haus sitzt, oder genauer, deren Kopf das Haus besetzt.
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Inea Gukema-Augstein kommentiert hier mit postfeministischem Blick auf humorvoll-ironische Weise den ewigen Traum vom eigenen Häuschen im Grünen. Wie viel ist in diesen kleinen Bildern doch ausgesagt an Wunsch und Illusion und Irrtum und neuerlichem Versuch, das Beste daraus zu machen!
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Da bleibt doch das Lachen im Halse stecken. Fragwürdig erscheint uns eh, wie die Frau auf den Bildern lacht, im heute wieder angesagten Blumen-Retro-Kleid. Wird hier Munchs „Der Schrei“ im „modern living“ zitiert oder handelt es sich nur um die harmlose Freude beim ersten „blind date“ mit der neu erstandenen Wohnung? Nichts in diesen Fotografien will uns in Sicherheit wiegen.
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Eva Mueller, Kunstberaterin